Dieser Blog-Beitrag wird sehr anstrengend. Für Euch als Lesende – aber auch für mich als Schreibenden. Warum? Das Thema, das ich hier abhandeln möchte, beschäftigt mich intensiv. Und es beschäftigt mich schon sehr lange. Ich vermute, die ersten Gedanken zu diesem Thema kamen mir als Jugendlicher, während ich eine Musikschule besuchte. Ich lernte damals das Spielen auf einer Heimorgel.
Im Laufe der Zeit ist das Thema aber nicht kleiner geworden. Ganz im Gegenteil: vermeintlich feste Grenzen verschoben sich oder wurden unschärfer, und ehemals von mir als Prämisse betrachtete Standpunkte musste ich verschieben.
Und ganz aktuell kamen durch die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz zu diesem Thema noch viele weitere Aspekte hinzu.
Bezug zu den Superbooth-Beiträgen
Selbst meine Schreibblockade zum Thema »Superbooth 2025« hat damit zu tun: Durch das einschneidende Erlebnis am Ende meines Besuchs der Superbooth 2025 konnte ich mich lange Zeit nicht aufraffen, darüber zu schreiben. Dabei hat es gar nichts direkt mit dem Event zu tun! Aber es hat etwas mit der Rückreise von diesem Event zu tun. Ja, ich denke, das ist ein guter Startpunkt:
Was ist passiert?
2025 besuchte ich das Event »Superbooth 2025« in Berlin. Ich nutzte die Bahn als Transportmittel und war sowohl auf der Hinfahrt als auch auf der Rückfahrt sehr zufrieden damit. Den schlechten Ruf der Deutschen Bahn konnte ich an diesem Tag also überhaupt nicht bestätigen. Zu später Stunde traf ich am Hauptbahnhof Münster/Westfalen ein. Ich war nur noch wenige Kilometer von meinem Heimatort entfernt. Diese Strecke wollte ich mit dem Zug eines lokalen Verkehrsanbieters zurücklegen. Leider kam es zunächst zu Verspätungsanzeigen und anschließend zu Hinweisen auf einen Schienenersatzverkehr. Zusammen mit einer Horde von gestrandeten Mitmenschen stand ich an einer Bushaltestelle in unmittelbarer Bahnhofsnähe. Aber der Bus kam nicht. Die Menge wurde immer unruhiger und plötzlich kam der Ruf:
Wer teilt sich mit uns ein Taxi nach Emsdetten?
Nun, ich war seit ca. 5 Uhr auf den Beinen und zu diesem Zeitpunkt war es kurz vor Mitternacht. Natürlich meldete ich sofort mein Interesse. Als kleine Gruppe von zwei jungen Männern, einer älteren Dame und mir setzten wir uns am Hauptbahnhof in ein Taxi und fuhren in Richtung Emsdetten. Die beiden jungen Männer unterhielten sich während der Fahrt angeregt über das an diesem Tag gesehene Fußballspiel im Speziellen und über Fußball im Allgemeinen. Später kam die Frage auf, woher wir anderen beiden denn vor dem »Stranden« in Münster kamen. Die Dame sprach von einem Besuch bei einer Bekannten und ich sagte, dass ich an diesem Tag in Berlin war. Die Nachfrage nach dem Berlinbesuch beantwortete ich mit »Besuch einer Musikmesse«. Ich wollte niemanden mit zu vielen Details quälen. Daher antwortete ich auf die Nachfrage „Ach, Du machst Musik?“ auch nur kurz mit: „Ja.“
Dann kam die Frage
„Ah, Du machst Musik. Wo kann man denn in Emsdetten noch auflegen?“ Diese vollkommen unschuldig gestellte Frage paralysierte mich regelrecht. Innerlich musste ich mehrfach schlucken und fragte dann zurück: „Ach, Du glaubst, ich bin DJ?“ Mit erstauntem Blick bejahte mein Gegenüber die Frage. Und da war sie wieder: die Verwirrung von Mitmenschen, die glauben:
Ein DJ macht Musik!
Den anschließenden, sehr kurzen Dialog in dieser Nacht erspare ich uns an dieser Stelle. Dieser Tag – so schön er auch während der Messe in Berlin war – nahm für mich ein so deprimierendes Ende, dass es über ein Jahr dauerte, ehe ich über das eigentliche Event schreiben konnte. Denn das Thema, das mich schon so lange beschäftigt, nahm meine Gedanken wieder ein:
Wer macht Musik?
Wenn ich in der Vergangenheit mit diesem verbreiteten Missverständnis konfrontiert wurde, vertrat ich klar die Meinung:
„Wer glaubt, ein Plattenaufleger mache Musik, der denkt auch, dass ein Kellner die Speisen macht.“
Dieser Gedanke, dass ein DJ die Musik macht, war für mich vollkommen absurd!
„Der legt nur die Platte auf und schiebt den Regler hoch! Aber die Musik ist das, was AUF der Platte ist. Und das haben Musikschaffende in die Welt gebracht!“
Ein Mensch, der eine selbst ausgedachte Melodie auf einer Blockflöte (übrigens ein völlig unterschätztes Instrument!) vorträgt, bekommt von mir wesentlich mehr Respekt (in Bezug auf das Thema »Musik«) als ein weltberühmter Star-DJ, der für einen »Auftritt« nach Ibiza fliegt und dort die Party rockt. Denn der Blockflötenspieler MACHT Musik, der DJ macht KEINE Musik.
Klare Grenzen?
Ach, wäre die Welt doch nur so einfach! Na ja, dann wäre sie wohl auch eher langweilig. Je älter ich werde, desto mehr muss ich eingestehen, dass diese klaren Grenzen, die ich immer sah, überhaupt nicht so scharf zu ziehen sind. Zum Beispiel haben sich einige DJs so weiterentwickelt, dass sie in der Tat Musik machten.
Die technische Weiterentwicklung im Bereich der Musikproduktion senkte in jedem Fall die ehemalige Hürde, die Welt mit eigener Musik zu beglücken. Niemanden schockt es, wenn bekannt wird, dass ein bekanntes Musikstück nicht in einem weltberühmten Studio aufgenommen und produziert wurde. Durch diese Demokratisierung der Musikproduktion konnten immer mehr Musikbegeisterte die Seite wechseln und selbst Musik erstellen. Sein eigenes Musikstückchen dann auf den bekannten Musikplattformen zu platzieren, ist mittlerweile auch kein großes Kunststück mehr.
Jeder kann Musik machen
Aber: Wie wertvoll ist etwas, das – vermeintlich – mühelos erstellt werden kann? Genau: vollkommen wertlos.
Sobald wir uns daran gewöhnt hatten, zu jeder Zeit jede Musik abspielen zu können, ging uns gleichzeitig etwas verloren. Wer setzt sich heute noch ins Wohnzimmer, startet die Wiedergabe einer Schallplatte, einer CD oder eines anderen Offline-Mediums und genießt dann diese Musik? Okay, ich kenne drei Menschen, die das noch machen – Respekt!
Trotzdem hören wir sehr viel Musik: Während des Frühstücks läuft eine Spotify-Playlist per Netzwerk-Player in der Küche, auf dem Weg zur Arbeit spielt das Smartphone im Auto die heruntergeladene Musik und selbst im öffentlichen Raum und während des Einkaufens werden wir mit Musik beschallt. Und das ist nur die Beschreibung meiner persönlichen Erlebniswelt.
Die Unterschiede im Musikkonsum anderer Generationen möchte ich an dieser Stelle nicht thematisieren. Denn das Thema hat schon genügend Aspekte. Und nun kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu:
Die KI macht die Musik
Ja, diese Aussage ist so kurz wie ungenau:
- Welche KI?
- An welcher Stelle in der Musikproduktion wird sie eingesetzt?
- Wie transparent sind die Informationen darüber?
Meine aktuelle Einstellung zu KI und Musik:
Wenn jemand mit ein paar Zeilen schriftlicher Anweisungen „Musik“ per KI generiert, dann hat dieser Mensch KEINE Musik gemacht.
Lässt sich aber ein Musikschaffender bei der Produktion SEINER Musik von Werkzeugen unterstützen, die auch KI-Technologien verwenden, ist das immer noch die Musik dieses Menschen.
Denn solange die kreativen Entscheidungen von Menschen getroffen werden, erkenne ich diese Menschen auch noch als Musikschaffende an.
Das ist der Weg
Ach, wäre ich nur Mandalorianer und wüsste den Weg! Letztlich muss wohl jeder seinen eigenen Weg finden. Für mich ist das Komponieren und Produzieren eigener Musik nach wie vor meine liebste Freizeitbeschäftigung. Und das Gefühl, das ich nach einer freien »Session« an meinen Keyboards empfinde, kann ich nur sehr ungenau beschreiben. Vielleicht trifft es am besten dieser Begriff:
Zufriedenheit
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